Ein guter Mensch

Ja, ich habe Angst davor, irgendwann ungeliebt zu sein und allein zu sterben. Doch mein Antrieb, ein guter Mensch zu sein, sitzt tiefer. Ich will es, so sehr, ein guter Mensch zu sein, und obwohl ich es jeden Tag versuche, scheitere ich unentwegt. 

Am ersten Tag stehe ich auf und erkenne, ich will doch nur ein guter Mensch sein. Ich sehe die Natur und ich wandere durch einen Wald, und ich sehe einen Ast auf meinem Weg. Anstatt ihn zur Seite zu schieben knicke ich ihn um. Im selben Moment durchfährt mich die Reue wie ein Blitz, und ich versuche ihn wieder geradezurichten. Doch das Holz bleibt geborsten und baumelt Richtung Boden, wie ein Pendel, das traurig flüsternd die Totenstunde der an ihm hängenden Blätter verkündet. Ich war gescheitert. Ein guter Mensch respektiert die Welt, in der er wandelt und knickt keine Äste. 

Am zweiten Tag stehe ich auf und knicke keine Äste um. Anstatt in den Wald zu gehen gehe ich in die Stadt, und ich sehe viele Menschen. Ich habe es eilig und ich bin böse auf all die Menschen, die mir im Weg herumwandern. Ich muss zur Arbeit, und ich bin spät dran, doch niemand scheint Rücksicht auf mich zu nehmen. In meinem Argwohn vergesse ich mich, als mich eine Frau anrempelt und schreie sie an. Mit tränenden Augen blickt sie kurz in mein vor Wut verzerrtes Gesicht, dreht sich um und geht weiter, ohne ein einziges Wort zu sagen. Ich bin gescheitert. Sowie ich mich besinne und sie um Entschuldigung bitten will, war sie in der Menge verschwunden. Ein guter Mensch schreit keine Menschen an, die keine böse Absicht hatten, er respektiert vielmehr die, die ihm gleich sind. 

Am dritten Tag stehe ich auf, und ohne den Gedanken daran, einen Ast umzuknicken respektiere ich jeden, den ich treffe. Anstatt anderen die Schuld daran zu geben, dass ich – wiederholt – spät dran war, dachte ich daran, dass ich wohl früher hätte das Haus verlassen müssen. Ich trödelte ohnehin ständig und ich tadelte mich im Gedanken dafür. Doch plötzlich, so fiel es mir ein, dass ich ein weiteres Mal gescheitert war. Ein guter Mensch respektiert sich selbst, er gibt sich nicht immer die Schuld an Unrechtem – er ist nett zu sich. Er vergisst nie, dass er sich selbst der nächste ist. Und obwohl es wichtig war, die anderen zu respektieren, war es noch viel wichtiger, sich selbst zu respektieren. 

Da stehe ich nun vor einem Dilemma. Denn einen vierten Tag gibt es nicht, noch so etwas wie gute Menschen. Dafür sehe ich zubetonierte Wiesen, abgebrannte Wälder, Menschen, die sich gegenseitig traumatisieren und unentschuldbare Dinge antun. Ich sehe Kriege, grausame Waffen, und zahlreiche Krisen, eine bröckelnde Wirtschaft, die das Klima zerstört, und eine Gesellschaft, die vereinsamt. Menschen, die alleine in Autos fahren und alleine in Häuser wohnen und alleine alt werden und partout nicht ins Altenheim wollen und doch traurig sind. Ich sehe Menschen, die so viel arbeiten, bis sie nicht mehr können, und sich dann unwürdig fühlen und glauben, an allem Schuld zu sein. 

Doch gute Menschen; die sehe ich nicht. 

Ich sehe mich selbst, der ein guter Mensch sein will. Der mit seinem Geld etwas Regenwald kaufen und mit seinen Händen einige Bäume pflanzen könnte. Doch er hat sich selbst einen teuren Laptop und ein Smartphone gekauft und mit seinen Händen baut er sich eine selbstbenannte Existenz aus Geld auf. Ich sehe, dass ich nicht immer Rücksicht auf die Natur, andere oder mich selbst nehme. Eine Fliege erschlagen, weil mich ihr Flügelschlag nervte. Einen Käfer zertrampelt, weil mich sein Ansehen schreckte. Meine Liebsten geärgert, weil ich mich selbst nicht hintenanstellen wollte und dabei vergessen hatte, dass nichts, was ich für wen nur für wen und nicht auch für mich selbst tue. Eine Gräueltat aus Kindestagen, ein Gedanke von Gestern, ein Fluchtgedanke, nichts weiter und doch ein Verrat an meine Identität. Und die Angst, irgendwann allein zu sein und ungeliebt zu sterben. Und Angst davor, aufgrund von Dummheiten von irgendwem in den Krieg zu müssen, und für ein Land zu sterben, das einem alles gegeben hat und einem alles wieder nimmt mit der Begründung, dass es besser wäre all seine Kinder für einen zu opfern als sich selbst aufzugeben. So sehe ich auch, dass ich alles probiere, ein guter Mensch zu sein und doch jeden Tag scheitere. An manchen Tagen will ich das Scheitern sogar, weil es mir an diesen Tagen egal ist, Äste umzuknicken und an vielen anderen – da machen mir die Kriege in fremden Ländern nichts aus. 

Ich sah die tränenden Augen der von mir angerempelten Frau, die wie der gebrochene Ast nach unten hingen und ich wusste, dass ich gescheitert war, und schon alleine der Gedanke ans Scheitern macht mich zu keinem guten Menschen. Jedoch verbindet uns dieser Gedanke, alle, die wir doch nur gute Menschen sein wollen. Mit all unseren Taten erinnern wir uns daran, dass Mensch nicht gut bedeutet, und es das auch gar nicht muss. Gut zu sein ist eine Unmöglichkeit, und dennoch, versuchen wir, die jeden Tag gut sein wollen, unser Bestes. Und obwohl wir scheitern, Tag um Tag, geben wir nicht auf. Und vielleicht können wir und auch ich als solche, die versuchen, gut zu sein, uns mit dem Versuch zufriedengeben.  

Alexander M. Weigl, 14.12.2025